Mental Health als Investment Case

Knapp jede zweite Person in Europa berichtet von psychischer Belastung. Die jährlichen Kosten – durch Produktivitätsverluste, reduzierte Arbeitsfähigkeit und Versorgungsaufwand – übersteigen 600 Milliarden Euro. Gleichzeitig stößt das Versorgungssystem vielerorts an seine Grenzen. Und genau hier entsteht Bewegung.
Genau das war der Ausgangspunkt unseres More Impact for Lunch am 20. Mai. Gemeinsam mit Joshua Haynes (Co-Founding Partner, Masawa), Silke Schweizer (Business Angel & Mentorin, encourageventures e.V.), Paul Aretin (Co-Founder, coobi) und Bastian Sudhoff (Co-Founder, Lucoyo Health) haben wir diskutiert, wie sich Mental Health als Investmentfeld einordnen lässt – und wo konkrete Opportunitäten für Investor:innen entstehen. Moderiert hat Juliane v. Boeselager, Head of Investor Relations & Impact bei FASE.

„Mental Health ist nicht nur ein Well-being-Thema, sondern ein wirtschaftlich relevantes Thema.“

Silke Schweizer, encourageventures e.V.

Warum mentale Gesundheit für Impact und Investment relevanter wird

Mental Health wird noch immer häufig als individuelles Well-being-Thema betrachtet. Diese Sicht greift jedoch zu kurz. Mentale Gesundheit betrifft nicht nur Betroffene, sondern ebenso Unternehmen, Gesundheitssysteme und Arbeitsmärkte. Sie ist damit nicht nur ein gesellschaftliches, sondern auch ein wirtschaftliches Thema.
Gerade im Unternehmenskontext wird diese Relevanz besonders sichtbar: Fehlzeiten, Fluktuation, Produktivitätsverluste und langfristige Ausfälle machen deutlich, dass mentale Gesundheit weit über individuelle Belastung hinausgeht. Wenn Leistungsträger ausfallen oder kündigen, wird Mental Health unmittelbar auch zu einer Frage von Stabilität, Leistungsfähigkeit und Wirtschaftlichkeit.

Hoher Bedarf, große Versorgungslücke

Gleichzeitig bleibt der Zugang zu Unterstützung für viele Menschen schwierig. Lange Wartezeiten, überlastete psychotherapeutische Praxen und fehlende Orientierung im System führen dazu, dass viele Betroffene nicht rechtzeitig die passende Hilfe erhalten. Die Herausforderung liegt deshalb nicht nur in fehlenden Therapieplätzen, sondern auch in ineffizienten Prozessen und mangelnder Steuerung.Genau darin liegt ein wichtiger Ansatzpunkt für Innovation: Nicht jede Lösung muss neue Behandlungskapazitäten schaffen. Ebenso relevant sind Modelle, die Zugang erleichtern, Praxen entlasten, Prozesse effizienter machen oder Nachsorge besser organisieren.

Ein wachsendes, aber unterfinanziertes Investmentfeld

Die Größenordnung des Problems ist erheblich: Weltweit leben rund eine Milliarde Menschen mit einer psychiatrischen Erkrankung, gleichzeitig fließt bislang nur ein sehr kleiner Teil öffentlicher Budgets in mentale Gesundheit. Auch auf der Marktseite wächst die Dynamik. Dennoch bleibt die Finanzierungslücke groß — insbesondere in Europa. Damit wird Mental Health zunehmend als eigenständiges Investment Vertical sichtbar: mit hoher gesellschaftlicher Relevanz, strukturellen Ineffizienzen und wachsendem Innovationspotenzial. Gleichzeitig ist der Sektor noch immer unterfinanziert. Es fehlt an spezialisiertem Kapital, an thematisch fokussierten Investoren und an ausreichend ausgereiften Finanzierungslogiken.

Was einen überzeugenden Investment Case ausmacht

Die Diskussion zeigt klar: Gesellschaftliche Relevanz allein reicht nicht aus. Investierbar wird Mental Health dort, wo Wirkung, Geschäftsmodell und Systemanschlussfähigkeit zusammenkommen.
Besonders wichtig sind dabei drei Punkte:
  • Evidenz: Lösungen müssen ihre Wirksamkeit nachvollziehbar belegen können.
  • Zahlungslogik: Tragfähig sind vor allem Modelle mit Arbeitgebern, Versicherern, Krankenkassen oder anderen institutionellen Zahlern.
  • Regulatorik: Wer im Gesundheitskontext skalieren will, muss regulatorisch sauber und anschlussfähig aufgestellt sein.
Besonders attraktiv erscheinen deshalb Lösungen, die klinische Evidenz, klare Zahlungswege und skalierbare B2B2C-Modelle verbinden.

 „Mental Health ist ein Feld mit hoher gesellschaftlicher Relevanz und zugleich einer deutlichen Finanzierungslücke.“

Joshua Haynes, Masawa

Mental Health ist auch ein Infrastruktur- und Effizienzthema

Ein wichtiger Punkt der Diskussion war, dass Mental Health nicht nur als Therapiefrage verstanden werden sollte. Viele Probleme entstehen auch durch ineffiziente Prozesse, mangelnde Koordination und überlastete Strukturen. Die vorgestellten Venture-Beispiele machten genau das deutlich: Während ein Ansatz auf bessere Patientensteuerung und Entlastung psychotherapeutischer Praxen setzte, adressierte der andere die kontinuierliche Nachsorge durch datenbasierte Begleitung und frühere Intervention. Beide Beispiele zeigen, dass Innovation im Mental-Health-Bereich nicht nur in neuen Apps liegt, sondern auch in besserer Infrastruktur, effizienteren Abläufen und gezielterer Nutzung knapper Ressourcen.

Fazit

Mental Health entwickelt sich zunehmend zu einem relevanten Impact- und Investmentfeld — nicht nur wegen seiner gesellschaftlichen Dringlichkeit, sondern auch wegen seiner wirtschaftlichen Relevanz. Die Diskussion zeigt: Dort, wo mentale Gesundheit Produktivität, Arbeitsfähigkeit, Versorgungseffizienz und Systemkosten beeinflusst, entsteht auch investitionsseitig eine neue Anschlussfähigkeit.
Gleichzeitig bleibt der Sektor anspruchsvoll. Entscheidend sind belastbare Evidenz, klare Zahlungslogiken, regulatorische Anschlussfähigkeit und Lösungen, die sich sinnvoll in bestehende Systeme integrieren. Besonders überzeugend erscheinen Modelle, die nicht nur Versorgungslücken sichtbar machen, sondern konkrete strukturelle Engpässe adressieren — etwa im Zugang, in der Koordination, in der Nachsorge oder in der Entlastung bestehender Versorgungsstrukturen.
Gerade darin liegt die Chance: Wenn gesellschaftlicher Nutzen, wirtschaftliche Tragfähigkeit und systemische Wirksamkeit zusammenkommen, kann Mental Health zu einem der relevantesten Impact- und Investmentfelder der kommenden Jahre werden.

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